Dezimieren steigende Importe die Stahlnachfrage vollends?

Stahl aus europäischen Hochöfen verteuert sich, aber nicht so sehr wie es sich Stahlhersteller wünschen. ArcelorMittal legt beim Abschalten von Hochöfen noch einmal einen Zahn zu, und so klettert der Spotpreis für Warmband auf 790 Euro je Tonne frei Werk Ruhr (5-Wochenhoch). Der aufwärtsgerichtete Preistrend ist irreführend. Aufgrund der schwachen Nachfrage gewähren Flachstahlproduzenten saftige Preisnachlässe.

Die Hersteller von Langerzeugnissen wie Betonstahl und Walzdraht haben zwar eine höhere Preissetzungsmacht. Überdies haben sie einen taktischen Vorteil gegenüber den Flachstahlproduzenten, weil ein Elektrohochofen wesentlich schneller runtergefahren werden kann als ein klassischer Hochofen, der mit Kohleenergie Roheisen erzeugt. Sie stehen allerdings wegen steigenden Importen, die bis nach Malaysia herausreichen, unter Druck.

Die Liste wird immer länger: Nachdem Hochöfen in Bremen, Dünkirchen und dem spanischen Gijon bereits der schwachen Stahlnachfrage zum Opfer fielen, fährt ArcelorMittal einen weiteren Hochofen im polnischen Dabrowa Gornicza runter. Insgesamt haben europäische Stahlhersteller im laufenden Jahr bereits Produktionskapazitäten für 16 Millionen Tonnen Rohstahl stillgelegt, berichtet Argus.

Ende August hatte ArcelorMittal geschwind seine Verkaufspreise heraufgesetzt. Für Warmband-Bestellung mit Lieferung im Oktober verlangt das Unternehmen 800 Euro je Tonne, für November 850 Euro. Andere Stahlhersteller haben daraufhin ebenfalls ihre Verkaufspreise erhöht.

Saftige Rabatte

Allerdings kommen sie damit in der Praxis nicht durch. Die Stahlnachfrage ist weiterhin extrem schwach. Der während des Sommers von vielen auf der Verkaufsseite stehenden Marktteilnehmern kolportierte Anstieg der Stahlnachfrage blieb aus. "Es gibt so gut wie keine Nachfrage", erläutert ein deutscher Käufer zu Kallanish. Ohne einen merklichen Anstieg der Nachfrage könnten die Preiserhöhungen nicht in Kraft treten.

Wer bei Flachstahlproduzenten mit der Aussicht auf eine Großbestellung vorstellig wird, bekomme "extrem tiefe Preise", sagt ein niederländischer Händler. Dies sei ein Indiz dafür, dass Stahlherstellern kaum Bestellungen vorlägen. Mit der Bereitschaft großzügige Preisnachlässe zu gewähren, versuchten sie die bereits verringerte Produktion so gut wie es geht aufrecht zu erhalten.

Der zwischen dem 24. August und 9. September 2022 von 700 Euro auf 790 Euro je Tonne gestiegenen Stahlpreisentwicklung für Warmband am Spotmarkt fehlt es damit Aussagekraft. Tatsächlich werden aktuell Transaktionen für weniger als 750 Euro abgewickelt.

Zweifelsohne lohnt es sich für die Beschaffungsmanager aus dem Verarbeitenden Gewerbe öfter zum Telefonhörer zu greifen und Quotierungen anzufragen. Es gibt Berichte, wonach die Verkaufspreise von Stahl-Service-Center, die im Eigentum der Stahlhersteller sind, um 100 Euro höher sind als die unabhängiger Stahl-Service-Center.

Langerzeugnisse

Der Stahlpreis für Betonstahl (Bewehrungsstahl) liegt in Deutschland laut Meldungen von Käufern und Verkäufern bei etwa 1.050 Euro (inklusive Dimensionsaufpreis und Lieferung). Auf den steilen Anstieg des Frühjahrs, als Betonstahl bis zu 1.500 bis 1.600 Euro gekostet hatte, folgte bis zur Jahresmitte ein deutlicher Rückgang.

Mitte Juli trat die Stahlpreisentwicklung dann bei 1.040 Euro in eine Seitwärtsbewegung ein. Diese scheint in den letzten Atemzügen zu liegen. Es zeichnet sich ein von den Energiekosten getriebener herbstlicher Anstieg ab.

In Italien war der Spotpreis für Betonstahl 998 Euro je Tonne am 7. September 2022. Das waren 40 Euro mehr als in der Vorwoche. Noch stärker am steigen sind die Betonstahlpreise in Spanien. Hier ging es zum Monatswechsel von 875 Euro auf 990 Euro hoch (Quelle: Fastmarkets).

Liniendiagramm Stahlpreis Betonstahl Nordeuropa

Steigende Bewehrungsstahlpreise sind nicht das Resultat einer höheren Nachfrage. Sie sind die Folge von weiter anziehenden Gas- und Strompreisen. Und so fahren die Hersteller auf Sicht. Längerfristige Planunen sind aufgrund der hohen Unsicherheit nicht möglich. Sind die Energiekosten zu hoch, schaltet man den Elektrohochofen kurzerhand einfach ab und setzt die Produktion aus.

Derweil wenden sich Betonstahlabnehmer Bezugsquellen außerhalb Europas zu. "Die europäische Nachfrage nach importierten Langerzeugnissen stieg seit Ende August erheblich, als die hohen Energiekosten die innereuropäische Preise in die Höhe getrieben haben", meldet Argus. Außerhalb der EU könne man Betonstahl bereits für 725-755 Euro inklusive Lieferung beziehen.

Die Schere zwischen den Preisen für Betonstahl aus EU-Hochöfen und denen aus Nicht-EU-Hochöfen könnte wegen sinkenden Schrottpreisen weiter auseinander zu gehen. Der türkische Exportpreis für homogenen Eisen- und Stahlschrott (Heavy Melting Steel, HMS 1/2) sank von 397 US-Dollar/Tonne am 11. August auf 369 Dollar am 8. September.

Überdies machen merklich gesunkene Frachraten in der Tiefseeschiffahrt Stahlimporte interessant. In den letzten drei Monaten kam es laut S&P Global zu einem deutlichen Rückgang bei den Frachtraten für Container und trockene Rohstoffe (dry bulk). Die Importe von Walzdraht sind denn auch am steigen. Neben Nordafrika und der Türkei gehen EU-Importeure bis nach Malaysia heraus. Hier gab zuletzt Walzdraht-Bestellungen für 670-700 Dollar cfr.

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